Suche

Drucken Drucken

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Mit  der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung versucht man die Leistung einer Volkswirtschaft bzw. ihrer Einwohner zu messen. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gibt es Begriffe wie Bruttonationaleinkommen, Nettonationaleinkommen, Bruttoinlandsprodukt, Nettoinlandsprodukt oder Volkseinkommen.

Bei einem Unternehmen wird die „Leistung“ volkswirtschaftlich durch den Wert der Produktion gemessen – betriebswirtschaftlich wird die Leistung durch den Gewinn gemessen. Auf volkswirtschaftlicher Seite nennt man die addierte Leistung aller Unternehmen Bruttoinlandsprodukt. Eine damit eng verwandte Größe ist das Bruttonationaleinkommen{{1}}[[1]]Diese Größe hieß früher Bruttosozialprodukt.Der Begriff Bruttonationaleinkommen wurde in die deutsche Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – so nennt man die Gesamtheit der Rechnungen, mit denen wir uns
hier beschäftigen – nach der Umstellung auf den € eingeführt. Im Englischen heißt dieser Begriff  „Gross National Income“ – Bruttonationaleinkommen ist die entsprechende Übertragung ins Deutsche.[[1]]. Diese Begriffe sind deshalb für einen Staat interessant, weil z.B. die Steuerschätzung auf ihnen beruht.

Das Bruttoinlandsprodukt gibt die in Geld bewertete Produktion einer Volkswirtschaft in einem Jahr an. Es misst also den Wert aller Güter, die in einem Jahr in einer Volkswirtschaft produziert werden.

Das Bruttonationaleinkommen gibt die in Geld bewertete Produktion der Einwohner einer Volkswirtschaft{{2}}[[2]]Die Nationalität der Einwohner der Volkswirtschaft spielt keine Rolle. Ein „Inländer“ hat seinen Wohnsitz im Inland, aus welchem Land er stammt ist für diese Zählung völlig egal.[[2]] in einem Jahr an.

Der Wertmaßstab, der für diese Rechnung benutzt wird, sind die auf dem Markt erzielten Preise. Deshalb heißen die beiden Größen ausführlich Bruttonationaleinkommen bzw. Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen.

Der Unterschied zwischen Bruttonationaleinkommen und Bruttoinlandsprodukt sind Arbeitsleistungen, die Inländer im Ausland erbringen, z.B. Pendler, Auslandsmontage, Dividenden auf Aktien im Ausland etc. Ein Beispiel: Ein Arbeiter, der in Belgien lebt aber in Deutschland arbeitet, erhöht das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland (weil er in Deutschland arbeitet) und das Bruttonationaleinkommen in Belgien (weil er in Belgien wohnt).

Es gibt mehrere Möglichkeiten das Bruttoinlandsprodukt zu berechnen. Nämlich die Entstehensrechnung, die Verteilungsrechnung und die Verwendungsrechnung.

Die ersten beiden Berechnungsarten sehen wir uns an einem Beispiel an. Dazu betrachten wir die Produktion einiger Unternehmen, und fragen uns, was diese Unternehmen zum Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen beitragen.{{3}}[[3]]Da wir vorerst eine geschlossene Wirtschaft betrachten, stimmen Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen überein.[[3]] Diese Art der Rechnung nennt man die „Entstehensrechnung des Bruttoinlandsprodukts“. Bei dieser Rechnung soll auch die Verbindung zum Volkseinkommen verdeutlicht werden.

ForstwirtschaftHolzverarbeitungMöbelfabrikMöbelhandel
Vorleistungen0140260420
Lohn1008010055
Zinsen5101015
Abschreibungen58103
indirekte Steuern20103010
Gewinn20322017
Subventionen1020100
Verkaufserlös140260420520
Bruttowertschöpfung =
Verkaufserlös - Vorleistungen
140120160100
Nettowertschöpfung =
Lohn + Zinsen + Gewinn
12512213087

Betrachten wir zuerst die Forstwirtschaft und fragen uns, welchen Beitrag dieses Unternehmen zum Bruttoinlandsprodukt und zum Volkseinkommen leistet. Den Beitrag zum Volkseinkommen nennt man auch Nettowertschöpfung. Aus der Definition des Volkseinkommens wissen wir, dass die Nettowertschöpfung des Unternehmens gerade den Einkommen der Produktionsfaktoren{{4}}[[4]]Der Produktionsfaktor Boden ist hier nicht berücksichtigt worden.[[4]] zuzüglich des Gewinns entspricht. Das Volkseinkommen entspricht der Summe der Nettowertschöpfungen aller Unternehmen. Für die Forstwirtschaft erhalten wir als Nettowertschöpfung 100+5+20=125. Summieren wir die Nettowertschöpfung aller Unternehmen unserer Mini-Volkswirtschaft, so kommen wir auf ein Volkseinkommen von 125 (Forstwirtschaft) + 122 (Holzverarbeitung) + 130 (Möbelfabrik) + 87 (Möbelhandel) = 464.

Das Volkseinkommen heißt auch Nettonationaleinkommen zu  Faktorkosten. Prinzipiell wird dabei die gleiche Tatsache aus zwei verschiedenen Blickrichtungen betrachtet. Was auf der einen Seite Einkommen der Produktionsfaktoren zuzüglich des Gewinns ist, bedeutet auf der anderen Seite für die Unternehmen Kosten für den Erwerb der Produktionsfaktoren. Diese Ausgaben sind Bruttoausgaben, inkl. direkter Steuern und Sozialabgaben.

Der Beitrag eines Unternehmens zum Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen ist seine Bruttowertschöpfung{{5}}[[5]]Die Bruttowertschöpfung wird auch als Nettoproduktionswert bezeichnet; dieser berechnet sich aus Marktpreis
(=Bruttoproduktionswert) abzüglich Vorleistungen.[[5]]. Betrachten wir die Holzverarbeitung. Bevor die Holzverarbeitung anfängt zu produzieren, gibt es einen Wert von 140 in der Volkswirtschaft: die Vorleistungen der Forstwirtschaft. Nach der Tätigkeit der Holzverarbeitung hat die Volkswirtschaft Leistungen in Höhe von 260 (Bruttoproduktionswert der Holzverarbeitung = Verkaufserlös) erbracht. Die Holzverarbeitung hat also eine Leistung in Höhe von 120 erbracht. Dieses ist ihre
Bruttowertschöpfung (= Bruttoproduktionswert – Vorleistungen), also ihr Beitrag zur Leistung der Volkswirtschaft.  Die Summe aller Bruttowertschöpfungen der Unternehmen nennen wir Bruttoinlandsprodukt. Es beträgt im Beispiel 140 (Forstwirtschaft) + 120 (Holzverarbeitung) + 160 (Möbelfabrik) + 100 (Möbelhandel) = 520. Jetzt können wir auch sehen, warum die Vorleistungen der einzelnen Unternehmen wieder abgezogen werden; so wird eine Doppelzählung vermieden. Würde man die Bruttoproduktionswerte
addieren, so würde die Leistung der Forstwirtschaft viermal eingerechnet (in jeder Stufe einmal).

Das Vorgehen, die Bruttowertschöpfungen zu addieren, nennt man die Entstehensrechnung des Bruttoinlandsprodukts. Es kommt also darauf an, wo die entsprechenden Werte entstanden sind.

Zwischen dem Bruttowertschöpfung eines Unternehmens und seiner Nettowertschöpfung gibt es einen Zusammenhang. Wenn man von der Bruttowertschöpfung die Abschreibungen und die indirekten Steuern abzieht und die Subventionen addiert, erhält man die Nettowertschöpfung.

Beispiel Möbelfabrik: 420 (Bruttoproduktionswert) – 260 (Vorleistungen) = 160 (Bruttowertschöpfung) – 10 (Abschreibungen) – 30 (indirekte Steuern) + 10 (Subventionen)= 130 (Nettowertschöpfung) = 100 (Lohn) + 10 (Zinsen)  + 20 (Gewinn). Da Bruttoinlandsprodukt und Volkseinkommen die Summe der Bruttowertschöpfunge bzw. die Summe der Nettowertschöpfungen ist, gilt ganz entsprechend:

Bruttoinlandsprodukt (= Bruttonationaleinkommen) – Abschreibungen – indirekte Steuern + Subventionen = Volkseinkommen.

Diese Rechnung nennt man die Verteilungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts. Hinter  dieser Rechnung steckt eine gewisse Logik: Das Bruttoinlandsprodukt ist der Wert der Produktion und das Volkseinkommen die Summe aller Einkommen in einer Volkswirtschaft in einem Jahr. Wenn man das Bruttoinlandsprodukt um alle Faktoren bereinigt, die zwar Produktionswert aber nicht Einkommen sind und gleichzeitig Einkommen addiert, die nicht produziert werden, dann erhält man das Volkseinkommen. Konkret gilt

  • Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen ist der Wert der Produktion.
  • Die Abschreibungen dienen dem Ausgleich des Verlustes, den das Kapital durch die Nutzung erfährt. Dieser Teil der Produktion hält also das Vermögen der Kapitalbesitzer auf dem alten Stand, es wird jedoch nicht zu Einkommen; daher wird es vom Bruttoinlandsprodukt abgezogen.
  • Indirekte Steuern fließen an den Staat und werden nicht zu Einkommen der Produktionsfaktoren; auch sie müssen abgezogen werden.
  • Subventionen sind Zahlungen des Staates an die Unternehmen. Diese Leistungen werden nicht produziert. Im einfachsten Fall erhöhen die Subventionen die Gewinne und werden somit zu Einkommen. Also werden Subventionen nicht produziert, erhöhen aber das Einkommen, deshalb werden sie addiert.
  • Am Ende steht das Volkseinkommen.

Nun soll der Begriff des Nettoinlandsprodukts eingeführt werden. Wenn man vom Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen die Abschreibungen abzieht, erhält man das Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen, weil statt der Brutto- nur noch die Nettoinvestitionen berücksichtigt werden. Das Bruttoinlandsprodukt gibt den Wert der Güter an, die in einem Jahr produziert werden. Bei dieser Produktion werden andere Güter beschädigt oder vernichtet. Gemessen wird dies durch die Abschreibungen. Das Nettoinlandsprodukt gibt – weil die Abschreibungen vom Produktionswert abgezogen werden – den Wert der Güter an, die in einem Jahr zu dem bisher existierenden Bestand dazu kommen. Dabei wird die Vernichtung und Beschädigung von Gütern durch die Produktion berücksichtigt. Der Unterschied zwischen Brutto- und Nettoinlandsprodukt ist also der gleiche wie zwischen Brutto- und Nettoinvestitionen. Auch dabei ist „Brutto“ alles, was produziert/investiert wird und „Netto“ alles, was zu dem bisherigen Bestand dazu kommt.

Zieht man vom Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen die indirekten Steuern ab und zählt man die Subventionen hinzu, dann erhält man das Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten oder auch Volkseinkommen.

Neben der Entstehens- und der Verteilungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts gibt es noch die Verwendungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts. Bei der  Verwendungsrechnung wird darauf geschaut, welcher der Sektoren Unternehmen (Investitionen), Haushalte (Konsum), Staat (Staatsausgaben) und Ausland (Außenbeitrag) Teile des Produktion erhält. Es gilt:
Bruttoinlandsprodukt = Konsum + (Brutto-)Investitionen + Staatsverbauch + Außenbeitrag{{6}}[[6]]Der Außenbeitrag entspricht der Differenz zwischen Exportwert und Importwert von Waren und Dienstleistungen.[[6]].

Alle drei Rechnungen des Bruttoinlandspropukts führen zum gleichen Ergebnis.

Aufgabe: Berechnen Sie das Volkseinkommen, das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen, das Bruttonationaleinkommen zu Marktpreisen, die Nettoinvestitionen,

1Bruttoinvestitionen150 €
2Abschreibungen25 €
3indirekte Steuern (Produktions- und Importabgaben)45 €
4Subventionen5
5Konsum205
6Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und vermögen80
6adavon im Ausland erzielt10
7Einkommen aus abhängiger Beschäftigung320
7adavon im Ausland erzielt15
8Staatsausgaben80
9Exporte45
10Importe15
11von Ausländern im Inland erzielte Einkommen20
->

 

Kritik am Konzept des Bruttoinlandsprodukt

Das Bruttoinlandsprodukt wird oft als Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft genommen. Es sagt jedoch nichts über die Verteilungsgerechtigkeit aus. So kann das Bruttoinlandsprodukt in einem Land sehr gleich verteilt sein und in einem anderen sehr ungleich.

Internationale Vergleiche sind nur dann möglich, wenn diese Statistik in allen Ländern gleich angewendet wird – dies ist jedoch nicht der Fall. Selbst wenn die Statistik überall gleich angewendet wird, gibt es weiterhin Probleme. Zuerst wäre es sinnvoller die Anzahl der Einwohner, die das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften zu berücksichtigen (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf). Je mehr Einwohner ein Land hat, um so höher wird (bei vernünftiger Kapitalausstattung) das Bruttoinlandsprodukt werden. Zudem kann es schwierig sein, geschaffene Werte in verschiedenen Währungen zu vergleichen. Die aktuellen Wechselkurse sind eher durch die Geldanleger bestimmt als durch die Warenströme.

Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die wirtschaftliche Leistung eines Landes nicht richtig. Einerseits werden Leistungen nicht mitgerechnet. So finden z.B. Schwarzarbeit und Hausarbeit – generell jede Leistung, die nicht am Markt erbracht wird – keinen Eingang. Andererseits gibt es Schäden, die nicht berücksichtigt werden, wie etwa Umweltschäden. Der Wertverlust des Kapitals wird durch die Abschreibungen erfasst, die Umweltschäden jedoch nicht; Versuche, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen führen eher dazu, dass das Bruttoinlandsprodukt wieder steigt.

Drucken Drucken

Schreibe einen Kommentar